|
|
Geschäftsordnung - Vorsitzender - Sprecherin - Mitglieder - Protokollschreiber - Gäste - Fotos |
|
Mitglied seit dem 01.12.2008 BGFF e.V Berliner Gesellschaft für Förderung interkultureller Bildung und Erziehung, eingetragener gemeinnütziger Verein, |
![]() Laudatio von Frank-Walter SteinmeierZur Verleihung des Integrationspreises der SPD Spandau an die Berliner Gesellschaft zur Förderung interkultureller Bildung und Erziehung (BGFF) Liebe Frau Delwa, lieber Swen Schulz, lieber Raed Saleh, meine sehr geehrten Damen und Herren, vielen Dank für die Einladung, heute abend hier bei der Verleihung des 2. Spandauer Integrationspreises mitwirken zu können. Ich freue mich, die ausgezeichnete und engagierte Arbeit von Frau Olga Delwa und den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Berliner Gesellschaft zur Förderung interkultureller Bildung und Erziehung würdigen zu können. Die BGFF hat sich – seit nunmehr fast zehn Jahren – die gesellschaftliche Integration und den Spracherwerb von Aussiedlern und russischen Migranten auf die Fahnen geschrieben. Initiativen wie die Ihre sind vorbildlich, und wir brauchen sie heute wie eh und je. Denn Integration ist nicht selbstverständlich, und sie ist kein Selbstläufer. Ich erinnere mich noch an Debatten in der SPD in den 1970er Jahren, als es darum ging, ob man die Ortsvereine für die Gastarbeiter öffnen sollte, die damals das Bild der Migranten in der Bundesrepublik bestimmten. Diese Diskussionen erscheinen aus heutiger Sicht absurd. Heute hat fast jedes zweite neue Mitglied der Spandauer SPD einen sogenannten „Migrationshintergrund“. Ich erinnere mich ebenso an die Debatten 1999, als die widerwärtige Kampagne der hessischen CDU gegen eine eigentlich nur kleine Änderung des Staatsbürgerrechts Roland Koch zum Wahlsieg verhelfen konnte. Und leider zeigen auch die Debatten der letzten Tage, in- und außerhalb der SPD, dass uns das Thema Integration auch in nächster Zeit weiter beschäftigen wird, beschäftigen muss. Nein, Integration ist auch heute noch nicht selbstverständlich geworden. Lassen Sie es mich ehrlich sagen: mich ärgert, dass alle Debatten um Integration und Integrationspolitik immer noch den Gesetzen von medialer Aufregung und gesellschaftlichem Alarmismus gehorchen. Drei Wochen lang ein ohrenbetäubender Aufschrei in der gesellschaftlichen Debatte, ein Rauschen im Blätterwald – und danach herrscht wieder Totenstille. Doch was Integration vor allem braucht, ist Beständigkeit. Es geht um langfristige Projekte und Ideen, und um den täglichen Einsatz für die eingewanderten Menschen in unserem Land. Genau dies leistet die BGFF seit 2003. Ins Leben gerufen von ihrer engagierten Vorsitzenden Frau Delwa, setzt sie sich seitdem für russische Migranten in Berlin ein. Zu Beginn ging es vor allem darum, russischen Einwandererkindern die Sprache und Kultur ihrer Eltern und Großeltern nahezubringen: in zwei Schulen im Wedding und in Spandau haben Kinder seither die Möglichkeit, samstags ihr Wissen der russischen Sprache und Kultur zu vertiefen. Dabei ging es dem BGFF niemals um eine rückwärtsgerichtete Abgrenzung von der deutschen Mehrheitskultur. Ganz im Gegenteil. Frau Delwa und ihre Mitstreiter gehen von der Annahme aus, dass eine größere Sicherheit in der russischen Sprache, im Umgang mit der russischen Kultur sie auch für ihr Leben in Deutschland fit macht. Wer in mehreren Sprachen und Kulturen zuhause ist, der hat es einfacher, wenn er sich in beiden Welten gut zurecht findet. Das ist nicht kuscheliges „Multikulti“, sondern ein anspruchsvolles Integrationsdenken, das nicht verschweigt, dass erfolgreiche Integration Anstrengung verlangt. Bei der Vermittlung russischer Kultur und russischer Sprache hat es die BGFF aber nicht belassen. Nach und nach kamen weitere Projekte hinzu, die nun auch stärker das Lernen der deutschen Sprache, und die Auseinandersetzung mit der deutschen Kultur, zum Ziel hatten. So ist etwa hier in Spandau, im Falkenhagener Feld eine Begegnungsstätte entstanden. Dort wird von Deutschkursen über Lebensberatung bis hin zu Malkursen und gemeinsamem Musizieren so ziemlich alles angeboten, was das integrationspolitische Herz höher schlagen lässt. Menschen aller Altersklassen können hier zusammenkommen, die Türen stehen jedem offen, der Unterstützung benötigt – oder nur auf ein Schwätzchen vorbeikommen möchte. Ich habe mich im Vorfeld natürlich ein wenig über Ihre Arbeit umgehört, Frau Delwa. Und was mir wirklich jeder berichtet hat, und als das Außergewöhnliche Ihrer Initiative beschrieben hat, ist die Offenheit nach außen. Sie sind eine richtige Netzwerkerin – im besten Sinne des Wortes. Zu den Festen des Vereins kommen viele Gäste von außen; ihr Vorstand ist bunt gemischt. Sie wollen nicht unter sich bleiben, sondern sind bestens eingebunden in das Leben um sie herum. So kann Integration ganz selbstverständlich, fast beiläufig Wirklichkeit werden. Ich gratuliere der BGFF herzlich zu dem heute verliehenen Integrationspreis, und bedanke mich für Ihren tollen und nachahmenswerten Einsatz. Denn - ich sage es noch einmal -: was uns in der Integration voran bringt, dass sind nicht aufgepeitschte Debatten und erhitzte Gemüter, wie wir sie heute wieder erleben. Was wir brauchen, ist Langfristigkeit, Beständigkeit, die dauerhafte Suche nach Möglichkeiten zur Verbesserung. Das gilt natürlich auch (wenn nicht sogar vor allem) für die Politik. Ich werbe seit langem dafür. Mein Vorschlag aus dem Jahre 2009, ein Ministerium für Bildung und Integration einzurichten, war keine spontane Idee. Sondern das Wissen darum, dass wir jetzt konkrete Weichenstellungen brauchen, wenn wir die Spaltung in der Gesellschaft nicht dauerhaft vertiefen wollen. Dabei kann es nicht nur um kleinteilige Maßnahmen gehen. Ich glaube, wir müssen an den ganz großen Schrauben drehen. Wenn ich mir meine eigene Biographie angucke – ich kam nicht aus einer Familie, in der einem das Abitur in die Wiege gelegt wurde. Aber ich wuchs auf in einer Zeit, in der Familien wie die meine ermutigt wurden, ihre Kinder zu fördern. So eine Kultur brauchen wir heute wieder. Das, was wir früher sozialen Aufstieg genannt haben, muss wieder zum Ziel guter Politik werden. Ein erster Schritt auf diesem Weg wäre es doch schon einmal, Integration endlich nicht allein als Sozialarbeit zu begreifen, sondern vielmehr als Zukunftssicherung. Es geht eben nicht nur darum, den Einwandern ihr Leben in Deutschland erträglicher zu machen – nein, wir müssen sie für uns gewinnen wollen! Im gemeinsamen Interesse, aber eben auch im Interesse der Mehrheitsgesellschaft. Ijoma Mangold hat neulich in der „Zeit“ geschrieben, mit nichts mache man sich lächerlicher, als wenn man vor Gespenstern warnt, die längst der Vergangenheit angehören. Und in der Tat ist es schlicht wirklichkeitsfremd, wenn in der heutigen Debatte Einwanderer immer noch vor allem als Problembündel aus Bildungsferne, Kriminalität und Integrationsdefiziten beschrieben werden. Und deshalb ist es unsere Aufgabe, eine notwendige Aufgabe, eine Kultur des sozialen Aufstiegs zu schaffen. Es ist an uns, allen Einwanderungsgruppen Chancen zu bieten, um sich tatsächlich zu integrieren. Dabei kann es nicht um ein Ausspielen von „guten“ Einwanderern, nämlich den Facharbeitern, und „schlechten“ Einwanderern, nämlich den Unqualifizierten, gehen. Im Gegenteil, ich bin überzeugt: Halbe Toleranz und halbe Integration gibt es nicht. Nur wenn wir es insgesamt schaffen, eine Willkommens- und Aufstiegskultur für Einwanderer zu schaffen, kann Integration gelingen. Meine Damen und Herren, ich will gar nicht verschweigen, dass die Praxis schwieriger ist als die Theorie – auch wenn uns erfolgreiche Projekte wie die der BGFF optimistisch sein lassen. Wir wissen, dass Integration auch misslingen kann. Das »Zusammenfließen der Kulturen«, wie das Ilija Trojanow genannt hat, ist kein Vorgang, der ohne Wellen oder Trübungen abläuft. Aber gerade weil das so ist, ist es ärgerlich, wie populistische Thesen einzelner prominenter Parteimitglieder jahrelange Bemühungen von anderen einfach über den Haufen werfen können. In den letzten Tagen, ebenso wie in den hitzigen Debatten im letzten Herbst, haben wir das eindrucksvoll beobachten können. Ich denke, es ist unnötig zu betonen, dass solche Thesen weder meine Meinung darstellen, noch die der SPD – und schon gar nicht die der SPD Spandau, wenn ich das so sagen darf. Ich kann mir vorstellen, dass viele von Ihnen, viele von Euch über den Ausgang des Schiedsverfahrens unglücklich sind. Ich verstehe diesen Ärger auch. Ich möchte noch einmal klarstellen, dass der Ausgang des Schiedsverfahrens keinesfalls bedeutet, dass sich die SPD die Ansichten von Herrn Sarrazin zu eigen macht. Aber darum ging es in dem Verfahren ja auch nicht, sondern um einen möglichen Parteiausschluss. Und dafür liegen bei uns – aus guten, historischen Gründen – die Hürden sehr hoch. Gerade vor diesem aktuellen Hintergrund freue ich mich, am heutigen Abend hier mit Ihnen und mit Euch sein zu können: auch das gehört zu verantwortungsvoller Politik: sich nicht wegducken. Integrationspolitik ist kein Thema nur für das Sonnendeck, sie muss auch im Sturm durchgehalten werden. Ich bin froh darüber, dass wir gleich noch die Gelegenheit haben, miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn Gesprächsstoff gibt es, so vermute ich, auch bei Ihnen genug. Vor allem aber bin ich froh, dass wir mit der BGFF heute abend eine Initiative auszeichnen, die das beste Beispiel dafür darstellt, was von uns allen hier wohl das gemeinsame Ziel ist: dass dieses Land als gemeinsame Heimat begriffen wird und die hier Lebenden ihre Zukunft als gemeinsame Zukunft verstehen und dafür Verantwortung übernehmen. Ich danke Ihnen. |
|
Geschäftsordnung - Vorsitzender - Sprecherin - Mitglieder - Protokollschreiber - Gäste - Fotos |
| Seit dem 29.12.2008: 946 / 1248846 |





